Was der Schreibkurs mit Leben zu tun hat

Mein Schreibkurs hat heute begonnen. Viele bekannte Gesichter; einige nicht mehr anwesenden Gesichter und ein neues Gesicht. Zum neuen Gesicht kann ich noch nicht viel sagen. Aus den wenigen Äußerungen und sparsamen Gesten, könnte ich mir eine Meinung bilden – oder auch nicht…Das Vorschnelle will ich ablegen. Nicht zu voreilig urteilen, Maria. Meine Vermutung: Depressiv, freigestellt vom Beruf (sie ist Grundschullehrerin) und sehr traurige Augen- und Mundwinkel. Sehr abstandswahrend ( nein- nicht wegen Corona!) sondern eher der Typ: verschlossen. Ok, dann eben so.

Meine Schwester meinte, ich müsste mich mit ihr ja nicht abgeben; mich nur mit Menschen umgeben, die mir gut tun. Sofort dachte ich: „ Aber vielleicht sind die so mies drauf, weil sich eben keiner mit ihnen abgeben will? Oder doch andersherum? Will keiner etwas mit diesen Menschen zu tun haben, weil sie so schlecht drauf sind? Verzwickte Sache. Nun bin ich nicht für jeden Menschen zuständig, der mies drauf ist. Da ich aber weiß, wie verloren sich jemand fühlt, der traurig ist, habe ich volle Empathie, gerade für die, die eben kein Dauerlächeln auf den Lippen haben; obwohl es einiges erheblich vereinfachen würde… wie ich zugeben muss.

Jedenfalls hatte ich echte Freude, dass (fast) alle gesund und wohlbehalten – bisher! muss ich leider einfügen – durch Corona gekommen sind. Sie sind jetzt hier – in diesem Schreibkurs; sie haben sich demnach nicht von der Angst leiten und vom Leben abbringen lassen, sondern sind mittendrin. So wie ich. Mittendrin bei dem, was Freude bereitet.  Auch unsere Dozentin – eine herrlich schrullige liebenswerte ältere Dame, deren aktuelles Lebensjahr mit einer 8 beginnt und leider sehr wahrscheinlich, nicht mehr ganz so viele Jahre vor sich hat, wie sie hinter sich hat – macht einen putzmunteren Eindruck. Wobei ich gerade über das Wort – putz munter – stolpere.

Was für ein anachronistischer Ausdruck! Ich kann mir schwerlich vorstellen, wie man beim Putzen munter sein kann? Oder muss man beim Putzen munter sein? Hatte man früher ein ewiges Lächeln auf den Lippen beim Putzen? Vielleicht war das ja mal so – denn der Ausdruck kommt ja nicht aus dem Nichts – ein Körnchen Wahrheit ist doch immer in solchen Ausdrücken zu finden. Jedenfalls war es herrlich zu beobachten, wie herausgeputzt – ach je! schon wieder das Wort mit p… Wie auffällig!…unsere liebe Dozentin gekleidet war. Farblich noch den Frühling am Leib, in pastellfarbenen grün-gelb-weißen Tönen, brachte sie optisch und mental gute Laune in den Kurs. Viele freuten sich schon auf den Austausch und vor allem, dass ein Publikum da ist, dass die eigenen Texte anhört und darüber spricht.

Ich glaube, dass ist den meisten wichtig: Gehört zu werden. Ein offenes Ohr, für die eigenen Zeilen, eine Anregung eine Kritik – das alles macht das Schreiben zu einer Entdeckungsreise. Man begegnet Äusserungen, Gedanken zum eigenen Text, die nichts mit dem Hirn zu tun haben, dem sie entsprungen sind. Sie sind frisch, neu, anders. Im Idealfall. Es ist schön, die vibrierende Energie zu spüren, wenn ich an der Reihe bin, meine Zeilen vorzulesen. Genauso vibrierend ist es auch, den Anderen und ihren Zeilen zu lauschen.

Der Bio- und Chemielehrer, der angeregt durch einen anderen Text, erkennt, dass er viel lieber emotional, statt wissenschaftlich nüchtern, schreiben möchte. Stupser, die einen in eine Richtung stupsen können, die man vielleicht vorher nicht bewusst als einen möglichen eigenen Schreibweg erkannt hat. Das gefällt mir. Mir gefallen die Reaktionen der Teilnehmer, wenn ein leises zustimmendes Gemurmel genau an der Stelle einsetzt,  die einem selbst auch viel bedeutet. Die Freude kommt dann ganz von selbst.

Auch nachdenkliche Momente, die einen das Leben spüren lassen, als das was es ist: Kostbar und nicht selbstverständlich. Denn unsere Dozentin sagte heute: „Ich erfreue mich noch so am Leben, dass mir oft unweigerlich der Gedanke kommt, wie lange ich diese Freude noch empfinden darf – sprich, wie lange ich wohl noch am Leben sein werde?“

Diese liebenswerte Dozentin, mit der 8 vor ihrem Lebensjahr; sie vermittelte mir in diesem einen Satz die ganze Wahrheit über das Leben: das es endlich ist und jeder Augenblick es verdient, gesehen und gelebt zu werden. Mit welcher Hingabe sie immer noch bei der Sache ist, das motiviert mich und zeigt mir ein Bild vom Altern, das nicht gruselig und beängstigend ist, sondern hoffnungsfroh und voller Zuversicht. Es rückt meine eigenen Gedanken – zumindest kurzweilig – zurecht. Meine Gedanken, die meine ungebetenen Gäste oft von sich geben und das Leben schlecht machen.

So kann ich in diesen Momenten  – in der Begegnung mit anderen Menschen – diesem Treiben etwas entgegensetzen. Mit meinem Verstand und meinem Herzen. Ich weiß aber auch, dass meine ungebeten Gäste sich nicht einfach so verziehen werden, sie werden bleiben, aber ich versuche zumindest mit Begegnungen – wie in meinem Schreibkurs – dem oftmals bösen Gepolter dort oben einen Spiegel vorzuhalten ; einen Spiegel auf die Welt, durch andere Augen betrachtet – durch andere Gedanken gedacht. Dann wird es plötzlich ganz ruhig da oben und ich bemerke: Ich bin im Flow; die ungebetenen Gäste dort oben sind verstummt…für einige Stunden zumindest…aber das gehört wohl zu meinem Leben dazu. Ich habe verstanden!

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