Hirnkost

Vor drei Tagen war Mittsommer. Tag und Nacht durften an diesem Datum gleich lang existieren. Nun werden die Tage wieder kürzer. Ca. 1 min pro Tag. Ich erschrecke, wenn ich mir ernsthaft bewusst mache, dass das Jahr 20 nun fast zur Hälfte vergangen ist. Am Anfang des Jahres – oder nein – eher zum November letzten Jahres haben wir uns noch die wildesten Gedanken gemacht, wie wohl das Jahr 2020 laufen wird. Alles hatten wir auf dem Schirm – wir zogen Parallelen zu den 1920ern – versuchten Vorhersagen. Doch nichts und niemand von uns hatte ein Virus im Repertoire der möglichen Zukunftsszenarien.

Die Wut kommt

Mittlerweile ist die 1. Welle soweit abgeebt, dass die europäischen Grenzen für den innereuropäischen Reiseverkehr seit dem 15.6. wieder offen sind. Wir versuchen so etwas wie Normalität; was aber nur eine Wunschvorstellung ist. Wie ein – Nichtwahrhabenwollen – leugnen – dass es eben nie wieder so sein wird – sein kann und sein darf, wie vor Corona. Das war die 1. Phase. Wir befinden uns gerade in der 2. Phase nach einer lebensbedrohlichen Nachricht: WUT. Viele Bürger gehen jetzt auf die Straße. Sie lassen ihren Frust und ihre Angst raus – randalieren, plündern und üben Gewalt gegen Rettungskräfte und Polizisten aus. Sie wissen nicht wohin mit ihrer Wut. Sie begreifen nicht und wollen nicht begreifen, dass wir nicht einfach wieder so weitermachen können, als gäbe es das Virus nicht. Sie fühlen sich eingeschränkt, voller Zukunftsangst und fremdbestimmt.

Sprengstoff

Das ist mentaler Sprengstoff. Wir wandeln auf dünnem Eis. Jeder will dort anknüpfen wo er vor Ausbruch der Krise aufgehört hat. Aber das ist ein Trugschluss. Es funktioniert nicht. Unterbewusst spüren wir dieses Dilemma. Es lässt sich nicht auflösen und deshalb bahnt sich der Frust und der Ärger und die Unsicherheit einen Weg daraus, indem die Menschen auf die Straßen gehen und randalieren. Der innere Ärger, die Angst muss raus. 15 Wochen Lockdown erzeugen eine Menge Dampf im Kessel. Ich schaue ängstlich morgens auf die Schlagzeilen. Wohldosiert – aber das allein reicht bereits um für den Rest des Tages mies drauf zu sein. Es ist Schwerstarbeit, gegen diese Untergangsstimmung mental anzugehen. Und doch stelle ich mich dieser jeden Tag aufs Neue. Angesichts des Wahnsinns, der sich auf der Welt abspielt ist es wahrlich nicht einfach, sich positiven Dingen zuzuwenden und so etwas wie Zuversicht zu behalten. Aber es lohnt sich.

Gut-Böse

Denn diese positiven Dinge – und seien sie noch so klein und unscheinbar- sind es, die uns durch diese Zeit tragen. Es kann ein kurzer Blick auf den treuen Vierbeiner sein, der trotz dieser schlimmen Krise – einen selbst immer noch als Zentrum von allem sieht. Oder der freundliche Herr, der trotz Mundschutz, mit freundlich blitzenden Augen einem den Vortritt an der Kasse lässt. Es sind die ganz kleinen, feinen Dinge, die uns Menschen zu dem machen was wir wahrhaftig sind. Im Grunde gut. Lassen wir uns nichts anderes einreden, von irgendwelchen Despoten und Autokraten, die Hass, Neid und Missgunst anschüren. Lassen wir uns nicht einwickeln vom Bösen. Lassen wir uns unseren Blick nicht trüben, für das Gute. Wir haben es nur verlernt, das Gute zu entdecken.

Wir werden konditioniert

Die Medien, die sozialen Netzwerke – alles was heute im Internet möglich ist (ja ich hau auch drauf) – haben einen hauptsächlichen Anteil an dieser Misere. Wir werden darauf konditioniert, nur noch das Schlechte zu sehen. Wir hören nur noch Katastrophenmeldungen in jedmöglichen Facetten. Unser Gehirn steht unter Dauerbeschuss. Doch wir haben es in der Hand. Wir können entscheiden, wie weit wir die Tür öffnen, für all diese destruktiven Nachrichten. Wir können die Tür einen Spalt breit öffnen oder auch gleich ganz raus reißen und uns zertrampeln lassen. Ich möchte viel mehr Gutes hören, doch das ist garnicht so einfach, wie ich festgestellt habe. Ich muss hierfür richtig gezielt suchen und mich bewusst auf die Suche danach machen. Doch gefühlt würde ich sagen, bestehen 95 % der Nachrichten aus miesen, deprimierenden Nachrichten, die mir einhämmern, dass die Menschheit einfach nur schlecht ist. Und was es alles gibt. Ich möchte mich nicht einfangen lassen. Stattdessen will ich mich fleissig auf die Suche machen, nach guten Nachrichten. Nach hoffnungsvollen Zukunftsszenarien. Ich darf meinem Hirn nicht immer nur die Brechkost vorsetzen. Es braucht einen Gegenpol an Gutem. Und dafür lohnt es sich, mit offenem Blick und gütigem Herzen auf die Suche zu begeben.

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