Der Baumarkt ist ab jetzt Dein Psychotherapeut

Gestern war ich im Baumarkt. Wie offensichtlich viele andere auch. Es scheint der neue Hotspot für Kontaktpflege zu sein. „Du, Schatz ich fahr mal auf ein paar Schrauben zum Baumarkt.“ War es sonst vielleicht der Italiener ums Eck, oder der Fitnessclub, ist es jetzt also der Baumarkt. Selbst das Anstehen vor den Eingängen wird dieser Tage eher als angenehmer Zeitvertreib, denn als echtes Ärgernis wahrgenommen. Der Baumarkt bietet eine willkommene Abwechslung vom nunmehr gleichförmigen Alltag.

Dominiert von Corona und den Schreckenszenarien für die Zukunft, flüchtet man doch lieber in eine scheinbare Normalität. Und was ist besser dafür geeignet, als ein stinknormaler Baumarkt? Wer hätte gedacht, dass dieser so wichtig für das psychologische Wohlergehen vieler sein wird. Der Baumarkt als Ventil für ein friedlicheres Miteinander. Schließlich kann dem Testosteron geladenen Herrn der Schöpfung das heimische Dach ganz schön aufs Gemüt schlagen. Aber nicht nur dem männlichen Geschlecht ergeht es so. Auch für die weibliche Schöpfung mutiert der Baumarkt dieser Tage als eine Art Ersatzfreundin. Man nimmt was man kriegt. Wir wollen ja nicht wählerisch sein in diesen Tagen.

Alles ist anscheinend besser, als eingepfercht in den eigenen vier Wänden hocken zu müssen. Stattdessen ist man aktiv. Man fährt ja schließlich nicht nur einfach so zum Baumarkt. Wo kämen wir denn dahin? Nein, es gibt in diesen besonderen Zeiten triftige Gründe, einen Ausflug dorthin zu machen. Zum Beispiel, dass nun endlich, das seit Jahren (aufgrund von Zeitmangel) aufgeschobene Balkon- oder Terrassen-Projekt endlich mal in Gang zu bringen.

Denn eines haben wir in diesen Tagen mehr als genügend: Zeit! Das Luxusgut überhaupt. Die Zeit – von der noch vor einigen Monaten nie genug war. Und jetzt? Jetzt ist sie im Überfluss vorhanden, zumindest für den größten Teil der Bevölkerung. Was fängt man auf einmal mit so viel Zeit an? Es ist wie ein Sechser im Lotto. Plötzlich steht man mit einem Haufen Geld da. Corona hat uns zwar keinen Haufen Geld beschert; aber einen Haufen Zeit. Man wünscht sich die ganze Zeit mehr Zeit; und jetzt ist sie endlich vorhanden. Genau wie bei einem Geldregen agiert man zunächst wohl eher ein wenig kopflos. Einige Aktivitäten kann man getrost wieder in die Tonne treten, sie dienen eher der Ablenkung, denn der sinnvollen Beschäftigung. Hat man sein Hirn mit genügend Junk Food gefüttert, schreit es nach einer Aufgabe. Man möchte machen. Na und da kommt doch der Baumarkt  gerade wie gerufen. 

Hier begegnet man Anderen seiner Spezies, kann sich ausgiebig den einzelnen Regalen in den Gängen widmen ( ich wusste gar nicht, dass es so viele abwechslungsreiche Regale im Baumarkt gibt???) Das ist ja besser, als jede Netflix Serie! Und was es alles zu entdecken gibt!  Einige Dinge, von denen ich noch nicht einmal wusste, dass es sie gibt; geschweige denn für welchen Zweck diese Dinge überhaupt da sind. Jetzt werde ich auf eine Weise gebildet, die ich vor Coronazeiten nie für möglich gehalten hätte. Der Baumarkt als ein Hort der Entdeckungen.

Da wir zur Zeit nicht mehr durch die Welt jetten können, ist der Baumarkt so eine Art Ersatzwelt für uns geworden. Hier können wir uns austauschen, hier sind wir wer. Wir sind die, die hämmern , werkeln, machen, tun. Ja – wir sind die Macher. Auch in Zeiten von Corona sind wir nicht taten- oder machtlos. Wir lassen uns von diesem Virus nicht unsere Umtriebigkeit, nicht unsere Neugier, nicht unsere Entdeckungsfreude nehmen. Ganz im Gegenteil: Jetzt erst recht! Jetzt kommt endlich das Projekt meines Lebens ins Rollen. Jetzt mache ich. Jetzt bin ich aktiv. Auch wenn wir doch gerade auf der gesamten Welt zum Stillstand verdammt sind. Zumindest noch für einige Wochen.

Doch der Mensch sucht sich einen Weg. Einen Weg raus aus dem zwangsverordnetem Stillstand. Und da ist der Baumarkt ein perfekter Katalysator. Nicht nur, dass man hier die Dinge findet, die einem zu mehr Selbstwirksamkeit verhelfen können (was gibt es Schöneres, als eine frisch gebaute Terrasse zum Beispiel?); es ist auch das Aufeinandertreffen Vieler, die sich sämtlich in der gleichen Lage befinden, wie man selbst: Man ist hier, um zu machen. Und sei es nur, einige Blumenkübel mit wunderhübschen Pflanzen zu befüllen. Die wiederum auf dem eigenen Balkon oder im eigenen Garten, viel Freude bereiten werden. Oder es sind die größeren Projekte, die endlich jetzt angefangen und (man höre und staune) in einem Rutsch auch beendet werden können!

Wo hat es das in der jüngeren Vergangenheit schon  gegeben? Immer war zu wenig Zeit. Wieviele angefangene  Projekte – halbe Leichen – schlummern in Deutschlands Haushalten, weil immer zu wenig Zeit war, diese auch zu beenden? Das schlechte Gewissen: Immer ein ständiger Begleiter: „ Ich müsste unbedingt noch,…“ wir kennen das alle. Doch jetzt Corona. Und damit die einmalige Chance, Projekte anzufangen, sie auszuführen UND auch zu beenden! Ganz genau: Ihr habt richtig gelesen! Projekte die auch beendet werden können. Ja gibt es denn etwas Besseres für die Selbstwirksamkeit?

Ich glaube, die Zunft der Psychotherapeuten, Psychologen und der Psychiater wird sich auf schwierige Zeiten einstellen müssen. Der Baumarkt als heilsamer Therapeut für das chronische Gefühl der Überforderung! Nun: jetzt sind viele nicht überfordert. Ganz im Gegenteil: Es ist ja Zeit! Niemand sitzt Dir im Nacken und drängelt. Stattdessen: Ruhe und Bedacht und Freude beim Machen. Ich sehe schon: die werden bald alle arbeitslos. Wer braucht noch einen Psychotherapeuten, wenn er einen Baumarkt in der Nähe hat? So ändern sich die Zeiten und mit ihnen der Mensch. Der Mensch ist ein erstaunliches Wesen. Und es ist wundervoll zu beachten, wie er sich in schwierigen Zeiten zu helfen weiß. Und das zeigt uns, dass es immer einen Weg gibt, das Leben für sich selbstbestimmt zu gestalten. Auch in schwierigsten Zeiten. Nutzen wir doch diese Erkenntnis, vielleicht bewirkt sie für die Zukunft mehr, als wir jetzt erahnen können. 

So – und jetzt muss ich los: Das Terrassenprojekt wartet 😉

Eure Marielosophie

stay home, stay healthy

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