{"id":74,"date":"2020-04-06T10:54:06","date_gmt":"2020-04-06T08:54:06","guid":{"rendered":"http:\/\/marielosophie.de\/?p=74"},"modified":"2020-04-06T13:21:15","modified_gmt":"2020-04-06T11:21:15","slug":"die-kleinen-und-grossen-dinge-mit-corona","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/marielosophie.de\/?p=74","title":{"rendered":"Die kleinen und gro\u00dfen Dinge &#8211; mit Corona"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Heute (wir haben den 1. April 2020) war Antrag Nummer 2 f\u00e4llig. Wieder einmal sa\u00df ich heute morgen vor dem Laptop, um jetzt an die versprochene Liquidit\u00e4tshilfe vom Bund zu kommen. 9000 Euro wurden versprochen. Die 3000 Euro Landeshilfe (von der wie bisher noch nichts gesehen haben) wird gegengerechnet. Und die 9000 Euro d\u00fcrfen nicht f\u00fcr den Lebensunterhalt verwendet werden. Nur die betrieblichen Ausgaben sind damit abzudecken, alles andere wird zur\u00fcckgefordert. Nun stellt sich doch unweigerlich die Frage, welche Vorstellungen \u201cdie da oben\u201d haben, wie ein Soloselbst\u00e4ndiger seinen Lebensunterhalt bestreitet? Doch eben mit den Einnahmen aus seiner Selbst\u00e4ndigkeit! Offenbar interessiert das aber niemanden. <\/p>\n\n\n\n<p>Lapidar wird man dann auf die M\u00f6glichkeit verwiesen, Arbeitslosenhilfe II (Grundsicherung, wie es aufgeh\u00fcbscht hei\u00dft) zu beantragen. Ist klar! Man m\u00f6chte sich ja auch unbedingt als Selbst\u00e4ndiger in der Arbeitslosenhilfe II wiederfinden. Ist spitze f\u00fcr die Psyche. Nicht genug damit, dass wir eh schon von der Krise finanziell bis ins Mark getroffen sind, nun sollen wir uns auch noch die Bl\u00f6\u00dfe vor dem Amt geben. Zwar wird offen get\u00f6nt, dass die Verm\u00f6genspr\u00fcfung f\u00fcr ein halbes Jahr ausgesetzt wird, und dass vollkommen unb\u00fcrokratisch (hmmm&#8230;hab ich doch vorher auch schon geh\u00f6rt???) die Grundsicherung beantragt werden kann &#8211; allerdings behalten sich die B\u00fcrokraten eine sp\u00e4tere \u00dcberpr\u00fcfung vor. Ich hab nichts zu verbergen und trotzdem hab ich das Gef\u00fchl einer Betr\u00fcgerin zu sein, die sich Almosen erschleichen will. Genau dieses Gef\u00fchl vermitteln mir alle Antr\u00e4ge, die ich bisher ausgef\u00fcllt habe. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der letzten Seite dieser Antr\u00e4ge finden sich Unmengen an Voraussetzungen, die man als Unterzeichner eidesstattlich versichern muss, dass man hier schon das Gef\u00fchl hat, mit einem Bein bereits im Gef\u00e4ngnis zu stehen bzw. sich geradewegs dorthin begibt. Und dazu jedes mal die Ungewissheit, ob auch alles richtig ausgef\u00fcllt wurde, oder ob einem aus einer Angabe ein Strick gedreht wird und man doch letztendlich wieder alles zur\u00fcckzahlen muss. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist kein sch\u00f6nes Gef\u00fchl, ganz im Gegenteil: Die Psyche leidet ordentlich, eben auch weil man sich wie ein <em>Bittsteller<\/em> vorkommt und nicht wie ein <em>Gesch\u00e4digter<\/em>! Weder haben wir schlecht gewirtschaftet (ganz im Gegenteil) noch haben wir uns etwas zuschulden kommen lassen. Und doch ist es aber genau dieses Gef\u00fchl, dass einem beim Ausf\u00fcllen der Antr\u00e4ge unterschwellig vermittelt wird. Nat\u00fcrlich ist es nur mein subjektives Empfinden, jedoch kursieren einige Stellungnahmen im Netz, die \u00e4hnliches berichten. Also kann es nicht nur mein Empfinden sein; offensichtlich geht es wohl vielen so. <\/p>\n\n\n\n<p>Leider zeigt sich auch hier mal wieder, wie weit Theorie und Praxis auseinander klaffen. Bisher haben wir noch keinen einzigen Cent der sogenannten Soforthilfe gesehen, geschweige denn \u00fcberhaupt eine Nachricht erhalten, wann mit einer Auszahlung zu rechnen ist. Bisher ist \u201enur\u201c (gerne in Anf\u00fchrungszeichen!) unser Nervenkost\u00fcm und unser Kontostand erheblich strapaziert worden &#8211; ansonsten ist bis jetzt noch nicht viel passiert. Der Monatserste ist da und damit ein riesen Batzen Geld vom Konto weg. Wie in den Medien seit 2 Wochen immer wieder berichtet wird: Knallhart: Es wird eng! Der Dispo l\u00e4sst f\u00fcr den gesamten Monat nur noch Centbetr\u00e4ge \u00fcbrig &#8211; und das am Monatsersten! <\/p>\n\n\n\n<p>Klar, es ist eine Menge in ultrakurzer Zeit auf den Weg gebracht worden, aber im piefigen Deutschland wird es einem dann doch in der Praxis so schwer gemacht, dass man eigentlich doch nicht einmal die Hilfen beantragen m\u00f6chte, damit man nicht Gefahr l\u00e4uft- etwas falsch auszuf\u00fcllen und dann \u00c4rger zu bekommen. Oder man Gefahr l\u00e4uft, dass die Hilfen nicht mehr als Zuschuss gelten sondern in Kredite umgewandelt werden. ZACK einfach so! Und dass man anschlie\u00dfend mit einem Haufen neuer Schulden da steht. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu all den Unw\u00e4gbarkeiten der Krise kommen diese \u00c4ngste nun auch noch dazu. Das kann keiner gebrauchen und ist nicht gerade f\u00f6rderlich f\u00fcr die Zuversicht in die nahe Zukunft, die wir doch gerade jetzt alle so dringend ben\u00f6tigen. Stattdessen dominiert dieses schale Gef\u00fchl, irgendetwas falsch gemacht zu haben und kurz vor dem Abgrund zu stehen. Eine falsche Bewegung und das war\u00b4s.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ja bereits <em>jetzt<\/em> so, dass nichts mehr so ist wie <em>vor<\/em> der Krise. Die Herausforderungen vor denen wir alle stehen, sind immens. Abgesehen von den wirtschaftlichen Auswirkungen, die wir wie irgend m\u00f6glich stemmen m\u00fcssen, kommt noch die psychologische Komponente hinzu. Und die ist nicht zu untersch\u00e4tzen, denn das ist eine Lunte, die <em>brennt<\/em> und wenn wir es nicht schaffen, diese Lunte vorher auszutreten, dann stehen uns noch ganz andere Zeiten bevor. Den Gedanken mag ich nicht weiterdenken, denn er zieht mich zu sehr runter. Ich will mir meine Zuversicht bewahren, auch wenn es mit jedem neuen Tag immer schwieriger wird. Das Geld muss kommen und zwar nicht erst in 3 Monaten, sondern JETZT! Mit jedem Tag, der vergeht ist es schwieriger, die Zuversicht aufrechtzuerhalten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte so gerne auch noch mal \u00fcber andere Themen schreiben, aber Corona infiziert mittlerweile auch das Denken. Auch die Frage der Relevanz stellt sich mir in solchen Tagen. Wie relevant ist mein Text, wenn er <em>nicht<\/em> \u00fcber Corona handelt? Wie kann ich mir meine Schreibfreude, auch \u00fcber die kleinen Dinge des Lebens zu schreiben, erhalten? Wie schaffe ich es in diesen Zeiten, nicht alles in Frage zu stellen, was ich schreibe, das nichts mit dem Virus zu tun hat? Es erscheint mir alles ziemlich belanglos, angesichts dieser unsichtbaren, fiesen Bedrohung. Und doch ist es wohl genau <em>das<\/em>: <em>Trotz allem<\/em> \u00fcber die Dinge des Lebens schreiben &#8211; auch wenn alles um einen herum im Chaos versinkt. <\/p>\n\n\n\n<p>Denn das hilft, auf dem Boden zu bleiben und nicht in einem gedanklichen <em>Angst Nirwana<\/em> zu versacken. Gerade jetzt sind Gedanken, die nichts mit Corona und Krise und Weltuntergang zu tun haben, Gold wert. Es lohnt sich, <em>genau<\/em> diese kostbaren Gedanken festzuhalten &#8211; <em>sich<\/em> daran festzuhalten und somit den Blick f\u00fcr die kommenden Herausforderungen frei zu halten. Es gelingt mir in den letzten Tagen nicht, allerdings musste in den letzten Tagen auch organisatorisch sehr viel geregelt werden. Das vereinnahmt einen komplett. Insbesondere gedanklich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist es erst einmal wieder Zeit, sich \u00fcber Dinge Gedanken zu machen, die nichts mit Corona zu tun haben. Ob es mir gelingen wird, wei\u00df ich noch nicht. Aber gef\u00fchlt bin ich wie ein Kessel, aus dem Dampf rausgelassen werden muss. Ich sorge in den n\u00e4chsten Tagen genau <em>daf\u00fcr<\/em>, denn ich m\u00f6chte nicht, dass mir <em>mein<\/em> Kessel um die Ohren fliegt. Ich k\u00f6nnte auch sagen, ich bin <em>selbstf\u00fcrsorglich<\/em> und das gibt mir wiederum ein Gef\u00fchl der Selbstwirksamkeit indem ich daf\u00fcr sorge, dass ich anderen Gedanken, die bisher zu kurz gekommen sind, mehr Raum gebe. Indem ich sie niederschreibe. Und das ist ein gutes Gef\u00fchl. In diesen Zeiten ein rares Geschenk.<\/p>\n\n\n\n<p><em><span class=\"has-inline-color has-luminous-vivid-amber-color\">Eure Marielosophie<\/span><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>stay home, stay healthy in Zeiten von Corona<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute (wir haben den 1. April 2020) war Antrag Nummer 2 f\u00e4llig. 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