{"id":169,"date":"2020-09-24T08:36:40","date_gmt":"2020-09-24T06:36:40","guid":{"rendered":"http:\/\/marielosophie.de\/?p=169"},"modified":"2020-09-24T08:36:40","modified_gmt":"2020-09-24T06:36:40","slug":"was-der-schreibkurs-mit-leben-zu-tun-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/marielosophie.de\/?p=169","title":{"rendered":"Was der Schreibkurs mit Leben zu tun hat"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Mein Schreibkurs hat heute begonnen. Viele bekannte Gesichter; einige nicht mehr anwesenden Gesichter und ein neues Gesicht. Zum neuen Gesicht kann ich noch nicht viel sagen. Aus den wenigen \u00c4u\u00dferungen und sparsamen Gesten, k\u00f6nnte ich mir eine Meinung bilden &#8211; oder auch nicht&#8230;Das Vorschnelle will ich ablegen. Nicht zu voreilig urteilen, Maria. Meine Vermutung: Depressiv, freigestellt vom Beruf (sie ist Grundschullehrerin) und sehr traurige Augen- und Mundwinkel. Sehr abstandswahrend ( nein- nicht wegen Corona!) sondern eher der Typ: <em>verschlossen<\/em>. Ok, dann eben so. <\/p>\n\n\n\n<p>Meine Schwester meinte, ich m\u00fcsste mich mit ihr ja nicht abgeben; mich nur mit Menschen umgeben, die mir gut tun. Sofort dachte ich: \u201e Aber vielleicht sind die so mies drauf, weil sich eben <em>keiner<\/em> mit ihnen abgeben will? Oder doch andersherum? Will keiner etwas mit diesen Menschen zu tun haben, <em>weil<\/em> sie so schlecht drauf sind? Verzwickte Sache. Nun bin ich nicht f\u00fcr jeden Menschen zust\u00e4ndig, der mies drauf ist. Da ich aber wei\u00df, wie verloren sich jemand f\u00fchlt, der traurig ist, habe ich volle Empathie, gerade f\u00fcr die, die eben kein Dauerl\u00e4cheln auf den Lippen haben; obwohl es einiges erheblich vereinfachen w\u00fcrde\u2026 wie ich zugeben muss. <\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls hatte ich echte Freude, dass (fast) alle gesund und wohlbehalten &#8211; bisher! muss ich leider einf\u00fcgen &#8211; durch Corona gekommen sind. Sie sind jetzt hier &#8211; in diesem Schreibkurs; sie haben sich demnach nicht von der Angst leiten und vom <em>Leben<\/em> abbringen lassen, sondern sind mittendrin. So wie ich. Mittendrin bei dem, was <em>Freude<\/em> bereitet.\u00a0 Auch unsere Dozentin &#8211; eine herrlich schrullige liebenswerte \u00e4ltere Dame, deren aktuelles Lebensjahr mit einer 8 beginnt und leider sehr wahrscheinlich, nicht mehr ganz so viele Jahre vor sich hat, wie sie hinter sich hat &#8211; macht einen putzmunteren Eindruck. Wobei ich gerade \u00fcber das Wort &#8211; putz munter &#8211; stolpere. <\/p>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr ein anachronistischer Ausdruck! Ich kann mir schwerlich vorstellen, wie man beim Putzen munter sein kann? Oder <em>muss<\/em> man beim Putzen munter sein? Hatte man fr\u00fcher ein ewiges L\u00e4cheln auf den Lippen beim Putzen? Vielleicht war das ja mal so &#8211; denn der Ausdruck kommt ja nicht aus dem Nichts &#8211; ein K\u00f6rnchen Wahrheit ist doch immer in solchen Ausdr\u00fccken zu finden. Jedenfalls war es herrlich zu beobachten, wie herausgeputzt &#8211; ach je! schon wieder das Wort mit p\u2026 Wie auff\u00e4llig!&#8230;unsere liebe Dozentin gekleidet war. Farblich noch den Fr\u00fchling am Leib, in pastellfarbenen gr\u00fcn-gelb-wei\u00dfen T\u00f6nen, brachte sie optisch und mental gute Laune in den Kurs. Viele freuten sich schon auf den Austausch und vor allem, dass ein Publikum da ist, dass die eigenen Texte anh\u00f6rt und dar\u00fcber spricht. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, dass ist den meisten wichtig: <em>Geh\u00f6rt<\/em> zu werden. Ein offenes Ohr, f\u00fcr die eigenen Zeilen, eine Anregung eine Kritik &#8211; das alles macht das Schreiben zu einer Entdeckungsreise. Man begegnet \u00c4usserungen, Gedanken zum eigenen Text, die nichts mit dem Hirn zu tun haben, dem sie entsprungen sind. Sie sind frisch, neu, anders. Im Idealfall. Es ist sch\u00f6n, die vibrierende Energie zu sp\u00fcren, wenn ich an der Reihe bin, meine Zeilen vorzulesen. Genauso vibrierend ist es auch, den Anderen und ihren Zeilen zu lauschen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Bio- und Chemielehrer, der angeregt durch einen anderen Text, erkennt, dass er viel lieber emotional, statt wissenschaftlich n\u00fcchtern, schreiben m\u00f6chte. Stupser, die einen in eine Richtung stupsen k\u00f6nnen, die man vielleicht vorher nicht bewusst als einen m\u00f6glichen eigenen Schreibweg erkannt hat. Das gef\u00e4llt mir. Mir gefallen die Reaktionen der Teilnehmer, wenn ein leises zustimmendes Gemurmel genau an der Stelle einsetzt,\u00a0 die einem selbst auch viel bedeutet. Die Freude kommt dann ganz von selbst. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch nachdenkliche Momente, die einen das Leben sp\u00fcren lassen, als das was es ist: Kostbar und nicht selbstverst\u00e4ndlich. Denn unsere Dozentin sagte heute: \u201eIch erfreue mich noch so am Leben, dass mir oft unweigerlich der Gedanke kommt, wie lange ich diese Freude noch empfinden darf &#8211; sprich, wie lange ich wohl noch am Leben sein werde?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p> Diese liebenswerte Dozentin, mit der 8 vor ihrem Lebensjahr; sie vermittelte mir in diesem einen Satz die ganze Wahrheit \u00fcber das Leben: das es <em>endlich<\/em> ist und jeder Augenblick es verdient, <em>gesehen<\/em> und <em>gelebt<\/em> zu werden. Mit welcher Hingabe sie immer noch bei der Sache ist, das motiviert mich und zeigt mir ein Bild vom Altern, das nicht gruselig und be\u00e4ngstigend ist, sondern hoffnungsfroh und voller Zuversicht. Es r\u00fcckt meine eigenen Gedanken &#8211; zumindest kurzweilig &#8211; zurecht. Meine Gedanken, die meine ungebetenen G\u00e4ste oft von sich geben und das Leben schlecht machen. <\/p>\n\n\n\n<p>So kann ich in diesen Momenten\u00a0 &#8211; in der Begegnung mit anderen Menschen &#8211; diesem Treiben etwas entgegensetzen. Mit meinem Verstand und meinem Herzen. Ich wei\u00df aber auch, dass meine ungebeten G\u00e4ste sich nicht einfach so verziehen werden, sie werden bleiben, aber ich versuche zumindest mit Begegnungen &#8211; wie in meinem Schreibkurs &#8211; dem oftmals b\u00f6sen Gepolter dort oben einen Spiegel vorzuhalten ; einen Spiegel auf die Welt, durch <em>andere<\/em> Augen betrachtet &#8211; durch <em>andere<\/em> Gedanken gedacht. Dann wird es pl\u00f6tzlich ganz ruhig da oben und ich bemerke: Ich bin im Flow; die ungebetenen G\u00e4ste dort oben sind verstummt&#8230;f\u00fcr einige Stunden zumindest&#8230;aber das geh\u00f6rt wohl zu meinem Leben dazu. Ich habe verstanden!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Schreibkurs hat heute begonnen. Viele bekannte Gesichter; einige nicht mehr anwesenden Gesichter und ein neues Gesicht. Zum neuen Gesicht kann ich noch nicht viel sagen. Aus den wenigen \u00c4u\u00dferungen und sparsamen Gesten, k\u00f6nnte ich mir eine Meinung bilden &#8211; oder auch nicht&#8230;Das Vorschnelle will ich ablegen. Nicht zu voreilig urteilen, Maria. Meine Vermutung: Depressiv, freigestellt vom Beruf (sie ist Grundschullehrerin) und sehr traurige Augen- und Mundwinkel. Sehr abstandswahrend ( nein- nicht wegen Corona!) sondern eher der Typ: verschlossen. 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