{"id":146,"date":"2020-06-14T10:46:00","date_gmt":"2020-06-14T08:46:00","guid":{"rendered":"http:\/\/marielosophie.de\/?p=146"},"modified":"2020-06-13T14:32:31","modified_gmt":"2020-06-13T12:32:31","slug":"work-life-balance-auf-japanisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/marielosophie.de\/?p=146","title":{"rendered":"Work Life Balance auf japanisch"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Die Japaner haben es ja bekanntlich nicht leicht, was die sogenannte Work Life Balance angeht. Genau genommen ist das noch ziemlich euphemistisch ausgedr\u00fcckt. Die arbeiten sich tats\u00e4chlich wortw\u00f6rtlich zu Tode. 40 Stunden Woche existiert nur auf dem Papier \u2013 ok \u2013 hat man bei uns auch \u2013 aber bei denen ist das die Regel! Und die Regel sieht in der Realit\u00e4t so aus: Viele arbeiten oft bis Mitternacht oder dar\u00fcber hinaus, stolpern vom Schreibtisch in die U-Bahn von da aus ins Bett, nur um am n\u00e4chsten Morgen wieder zum Schreibtisch zu straucheln. Privates gibt es null.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<h2><span class=\"has-inline-color has-luminous-vivid-amber-color\">Nur 1 Schritt<\/span><\/h2>\n\n\n\n<p>In der Doku siehst Du eine junge Frau, die nicht erkannt werden will \u2013 deshalb sieht man nur ihre R\u00fcckseite. Sie steht an einem U-Bahnsteig. Du siehst vorbeirauschende U-Bahnen. Die Frau steht ziemlich nah am Gleis. Sie sagt: \u201eNur 1 Schritt, und ich muss morgen nicht zur Arbeit. Nur noch 1 Schritt und ich muss <em>nie<\/em> mehr zur Arbeit\u201c. Sie sagt: \u201cSo denken viele.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt wird klar, warum die meisten, die den Freitod w\u00e4hlen vorher nicht k\u00fcndigen. Es ist ein <em>Impuls. <\/em>Dustehst noch um Mitternacht am Bahnsteig, bist fertig, ersch\u00f6pft, ausgelaugt von Deinem Job. Den Schreibtisch hast du gerade erst verlassen und wartest jetzt nur noch darauf, ins Bett zu fallen und nichts mehr zu denken. Doch deine Gedanken lassen sich nicht abstellen. Schon schleicht sich der N\u00e4chste ein: in 6 Stunden stehst du wieder am Gleis, um dich f\u00fcr die n\u00e4chsten 16 Stunden an Deinem Schreibtisch zu foltern. Aber es gibt einen Ausweg: 1 Schritt nach vorne und die Schinderei hat ein Ende. Genau deshalb gibt es bei den meisten Freitoden vorher keine K\u00fcndigung.<\/p>\n\n\n\n<h2><span class=\"has-inline-color has-luminous-vivid-amber-color\">Musterangestellte?<\/span><\/h2>\n\n\n\n<p>Die Frau am Gleis scheint um die 38 Jahre. Du siehst nur ihre Silhouette. Braunes glattes Haar bis zu den Schultern. Dunkler Rock, helle Bluse und dunkler Blazer, dazu beige Ballerinas. Sie sieht aus wie die perfekt brav arbeitende Musterangestellte. Sie ist es nicht. Du h\u00f6rst, wie sie erz\u00e4hlt: \u201eIch male Mangas.\u201c\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Mangas \u00fcber die Verzweiflung derer, die nicht mehr k\u00f6nnen. Die sich regelrecht in den Wahn arbeiten. Du h\u00f6rst, wie sie von Sinnlosigkeit erz\u00e4hlt \u2013 von der Abgestumpftheit. Wie im Vakuum: Arbeiten \u2013 Schlafen. Arbeiten \u2013 Schlafen. Arbeiten \u2013 Schlafen. Wie in einer Schleife. Nicht endendwollend.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mangas werden eingeblendet. Du f\u00fchlst dich sofort betroffen. Ganz einfach \u2013 und doch brutal ehrlich und hart. Traurige Gesichter, minimalistisch auf dem elektronischen Zeichenbrett ins Leben gerufen. Fast kindlich, in Bleistift und schwarzwei\u00df. Und doch tragen sie das ganze Elend, die ganze Verzweiflung zur Schau. Die Frau sagt: \u201cNiemand wei\u00df, dass ich diese Mangas zeichne. Noch nicht einmal meine Familie.\u00a0 Auch nicht mein Ehemann.\u201c <\/p>\n\n\n\n<h2><span class=\"has-inline-color has-luminous-vivid-amber-color\">Wir leben, um zu arbeiten. Oder?<\/span><\/h2>\n\n\n\n<p>Was ist das f\u00fcr eine Welt, in der Menschen sich lieber zu Tode zu arbeiten, als aus diesem Moloch auszubrechen? Gefangen in einer Ideologie von Unterw\u00fcrfigkeit, Ehre und Ansehen. Doch es gibt auch andere Stimmen. Die Jugend. Die, die an Universit\u00e4ten studieren. Es findet ein kritischer Austausch statt. Das l\u00e4sst hoffen. Wenn man sie fragt, warum sie denn arbeiten gehen \u2013 kommt die Antwort: \u201eUm zu essen. Wir arbeiten um uns Essen leisten zu k\u00f6nnen.\u201c Wir leben um zu arbeiten. Ist das der Sinn? Das bedingungslose Grundeinkommen kommt in die Debatte. Viele sind daf\u00fcr. Ein Teil ist komplett gehemmt. Was ist man ohne Arbeit? Ein Niemand. Wer arbeit \u2013 <em>lange<\/em> arbeitet!, ist wer.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<h2><span class=\"has-inline-color has-luminous-vivid-amber-color\">Mit dem Herzen leben<\/span><\/h2>\n\n\n\n<p>Ich bewundere alle, die wach sind. Ich bewundere alle, die mit ihrem Herzen leben. Die sich auflehnen, wenn sie merken, das etwas nicht stimmt. Ich bewundere die geheimnisvolle Frau am Bahnsteig. Die <em>mutige<\/em> Mangazeichnerin. Die, die merkt, das etwas nicht stimmt. Die gestresste, bis zur Bewusstlosigkeit arbeitende Gesellschaft. Das unabdingbare Festhalten an alten Konventionen. Bis zum <em>Umfallen<\/em>. Ich bewundere Menschen, die diesem Missstand in irgendeiner Form Ausdruck verleihen. Es sind mutige Menschen. Menschen, die sich nicht damit zufrieden geben, zu leben um zu arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Japaner haben es ja bekanntlich nicht leicht, was die sogenannte Work Life Balance angeht. 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