{"id":141,"date":"2020-04-25T10:19:53","date_gmt":"2020-04-25T08:19:53","guid":{"rendered":"http:\/\/marielosophie.de\/?p=141"},"modified":"2020-04-25T10:19:53","modified_gmt":"2020-04-25T08:19:53","slug":"gefangen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/marielosophie.de\/?p=141","title":{"rendered":"Gefangen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Kann man Gefangener seiner selbst sein? \u201eNat\u00fcrlich\u201c, denke ich. Sind wir nicht <em>alle<\/em> Gefangene unserer selbst? Leben wir etwa nicht in unserem selbstgebauten Gef\u00e4ngnis? Ganz sicher &#8211; aber wir empfinden es meist nicht so! In Wahrheit jedoch, sitzen wir alle im Gef\u00e4ngnis. Im Gef\u00e4ngnis der eigenen Psyche. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Psyche ist <em>der<\/em> Hort f\u00fcr unsere Emotionen. Das Hirn ist der Hort f\u00fcr unseren Verstand. Wer hat wohl die Oberhand? Das frage ich mich oft. Mal ist es der Verstand, mal die Emotionen. Aber wer triggert wen <em>zuerst<\/em>? Ich neige ja zu der These, dass es unser Unterbewusstsein\/Emotion ist, die uns lenkt. Nicht der Kopf. Der Kopf kommt nanosekunden sp\u00e4ter, w\u00e4hrend die <em>wahre<\/em> Entscheidung bereits im Unterbewusstsein getroffen wurde. Aber das h\u00f6ren wir nicht so gerne, dass wir in Wahrheit von unserem Unterbewusstsein gelenkt werden und nicht von unserem Verstand. Denn uns kommt es in der Regel so vor, als k\u00e4men die Entscheidungen vom Hirn. Aber darum nennt sich das Unterbewusste ja auch Unterbewusstsein &#8211; eben <em>weil<\/em> wir die Entscheidungsvorg\u00e4nge nicht bewusst bemerken. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00f6chten uns selbstverst\u00e4ndlich eher als vernunftbegabte Wesen sehen, denn als Marionetten unseres Unbewussten. Das gef\u00e4llt niemanden und man sieht sich auch nicht gerne in der Rolle eines Gefangenen. Aber nichts anderes sind wir; wenn wir wirklich ehrlich zu uns sind. Keiner kann wirklich aus seinen \u00c4ngsten heraus, die er im Laufe seines Lebens erfahren hat. Wir k\u00f6nnen nur versuchen, sie besser zu verstehen! Und je schlimmer die Erfahrungen, desto gefangener sind wir. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe gestern den Film \u00fcber Bj\u00f6rn Borg und John McEnroe gesehen. Der Film war ein klassisches Beispiel von Gefangensein. Borg &#8211; aus \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen &#8211; sp\u00e4ter bester Tennisspieler seiner Zeit, war gefangen. Gefangen im Ehrgeiz, der beste Tennisspieler der Welt zu werden. Es ist ihm gelungen. Aber zu welchem Preis? Seine gesamte Daseinsberechtigung hat er aus seinen Siegen gezogen. Er war getriebener seiner Selbst. Verlieren kam f\u00fcr ihn nicht infrage. Mit einer selbstzerfleischenden Disziplin holte er sich einen Sieg nach dem anderen. Als Mensch jedoch war er sehr ungl\u00fccklich. Kein einziger Sieg hat ihn <em>wirklich<\/em> weitergebracht. Zumindest nicht zu sich selbst. <\/p>\n\n\n\n<p>Stattdessen entfernte er sich immer mehr von sich: lauter Selbstzweifel, \u00c4ngste und Sorgen, dass der n\u00e4chste Sieg doch eine Niederlage werden k\u00f6nnte. Sein schlimmster Gegner: John McEnroe &#8211; praktisch ein Spiegelbild seiner selbst. Denn auch McEnroe war zerfressen von Ehrgeiz. Er &#8211; der Aufsteiger, der unbedingt sein erstes Wimbledon Turnier gewinnen wollte\u00a0 Beide Charaktere: Gefangene ihrer selbst. Nat\u00fcrlich war es nur ein Film und sicherlich wurden dabei auch viele Aspekte der beiden Pers\u00f6nlichkeiten nicht thematisiert. Doch der <em>Tenor<\/em> war unverkennbar dieser: Keiner der beiden war wirklich zufrieden mit seinem Leben &#8211; zumindest ist es mein Eindruck bei diesem Film. Es ging <em>immer<\/em> nur um den n\u00e4chsten Sieg. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbertragen auf das Leben an sich ergibt sich eine interessante Analogie: wir werden gesteuert von unseren Erfahrungen und den P\u00e4ckchen die wir alle mit uns herumtragen. Borg hatte wohl die Erfahrung gemacht, dass er <em>solange<\/em> unangreifbar ist, solange er der Beste ist. Doch die Furcht, auch einmal zu verlieren, machte aus ihm ein seelisches Wrack. Die Furcht und seine Zweifel waren seine st\u00e4ndigen Begleiter. Und es machte \u00fcberhaupt keinen Spa\u00df, diesem Leiden zuzusehen. Nicht nur einmal habe ich mich w\u00e4hrend des Films gefragt, wieso er denn nicht einfach aufh\u00f6rt &#8211; nach so vielen Siegen und dem Erreichen seines Ziels; der Beste der Welt zu werden? Wieso qu\u00e4lte er sich stattdessen immer weiter? <\/p>\n\n\n\n<p>Es war ihm anzusehen, dass er absolut keine Freude im Leben empfand &#8211; immer nur dieser ewige Druck. Warum leidet dieser Mensch einfach immer weiter- obwohl es ihm gar nicht gut tut? Diese Fragen gingen mir immer wieder durch den Kopf. Nat\u00fcrlich ist der Sieg eine Belohnung. Aber es ist wie beim Konsumieren: Kurze Freude und einige Zeit sp\u00e4ter ist alles schon wieder verpufft. Die Halbwertzeiten f\u00fcr diese Erfolge sind meines Erachtens doch sehr gering im Verh\u00e4ltnis zum <em>Preis<\/em>, den man daf\u00fcr zahlen muss, st\u00e4ndig der Beste sein zu wollen: Ein ewiger Kreislauf von Selbstzweifeln, Selbstzerfleischung und \u00c4ngsten, seinen Platz dort oben irgendwann nicht mehr halten zu k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die eigene Psyche kann einen schon ganz sch\u00f6n fertig machen. Und wenn man den Kopf nur immer damit besch\u00e4ftigt, den n\u00e4chsten Sieg einzufahren &#8211; ja wo bleibt denn da noch Platz &#8211; um sich das Ganze einmal von einer anderen Perspektive anzuschauen? Da ist nicht einmal ein Millimeter Platz f\u00fcr andere Gedanken oder andere Gef\u00fchle. Die dominieren Dich in Grund und Boden. Ich finde die Vorstellung gr\u00e4\u00dflich, so gefangen in sich selbst zu sein und keinen winzigen Schritt zur Seite treten und einen wirklich klaren Gedanken fassen zu k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Zugegeben: Es ist ja auch mehr als unangenehm, sich unbequemen Fragen \u00fcber sich selbst zu stellen. Keiner will wirklich von sich h\u00f6ren, dass er Gefangener seiner Vorstellungen ist. Jeder w\u00fcrde das ganz sicher von sich weisen, wenn er sich nicht gerade zuf\u00e4llig mit diesem Thema kritisch auseinandersetzt. Die meisten ziehen einfach ihren Stiefel durch und graben nicht allzu tief in sich &#8211; denn es k\u00f6nnten Einsichten ans Licht kommen, die einen mehr verst\u00f6ren denn helfen. Es ist eine Gratwanderung: Will ich unwissend bleiben? Oder will ich wirklich einiges \u00fcber mich erfahren &#8211; auch wenn es unangenehm wird?\u00a0 Die rote oder blaue Pille?<\/p>\n\n\n\n<p>Borg hatte die ganze Zeit Angst; Angst zu versagen, Angst zu verlieren. Kommt Dir bekannt vor? Mir auch. Das ist auch nicht das Problem. Das Problem ist, zu <em>erkennen<\/em>, dass wir Gefangene sind und dann zu <em>handeln<\/em>. Und zwar so zu handeln, dass wir <em>ehrlich<\/em> mit uns umgehen. Dass wir ergr\u00fcnden, welche Gr\u00fcnde <em>hinter<\/em> den Gr\u00fcnden unserer Handlungen stecken. Ich versuche dies seit fast 7 Jahren. Und es ist wahrlich nicht einfach. Oft kommen Wahrheiten dabei heraus, die ich lieber nicht so genau beleuchten w\u00fcrde. Ich ertappe mich dann auch dabei, dass ich versuche mich mit anderen Gedanken abzulenken, wenn mir die Wahrheit zu anstrengend wird. Aber ich ich bleibe dran und komme somit jeden Tag meiner eigenen Unabh\u00e4ngigkeit ein bisschen n\u00e4her:  Meiner inneren Freiheit, meinem selbstbestimmten Handeln. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich will nicht Gefangener meiner Selbst sein (bleiben?) und deshalb werde ich auch weiterhin mein M\u00f6glichstes versuchen, den Gr\u00fcnden <em>hinter<\/em> den Gr\u00fcnden meiner Handlungen auf die Spur zu kommen und vielleicht\u00a0 &#8211; aber nur <em>vielleicht<\/em>, habe ich tats\u00e4chlich eines fernen Tages die innere Freiheit, von der ich mir w\u00fcnsche ich h\u00e4tte sie bereits jetzt schon. Aber das ist eine weitere Illusion, mit der mein Hirn versucht mich zu beruhigen. Es ist ein langer Weg und ich wei\u00df, dass ich noch l\u00e4ngst nicht angekommen bin. Aber wie hei\u00dft es so sch\u00f6n: \u201eDer Weg ist das Ziel\u201c. Und auf dem Weg zum Ziel wird Dir einiges \u00fcber den Weg laufen, was Du nicht erwartest &#8211; aber die Aussicht auf innere Freiheit ist den Weg wert, auch wenn er anstrengend und zeitweise auch sehr be\u00e4ngstigend sein kann. Es gibt keine Alternative.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Oder doch: Die blaue Pille \ud83d\ude09<\/p>\n\n\n\n<p><em><span class=\"has-inline-color has-luminous-vivid-amber-color\">Eure Marielosophie<\/span><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kann man Gefangener seiner selbst sein? \u201eNat\u00fcrlich\u201c, denke ich. Sind wir nicht alle Gefangene unserer selbst? Leben wir etwa nicht in unserem selbstgebauten Gef\u00e4ngnis? Ganz sicher &#8211; aber wir empfinden es meist nicht so! 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