{"id":135,"date":"2020-04-21T10:34:19","date_gmt":"2020-04-21T08:34:19","guid":{"rendered":"http:\/\/marielosophie.de\/?p=135"},"modified":"2020-04-24T11:50:12","modified_gmt":"2020-04-24T09:50:12","slug":"noch-ist-das-neue-jetzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/marielosophie.de\/?p=135","title":{"rendered":"NOCH ist das neue JETZT"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Es ist Dienstag &#8211; noch sehr fr\u00fch am Morgen. Der Tag ist noch frisch und unverbraucht. Auch von Gedanken. Aber schon fangen sie an, sich in meinem Kopf breit zu machen. Kaum ist das Bewusstsein wieder im Hier, geht der Gedankentanz im Hirn auch schon wieder los. Nichtsahnend hatte ich pl\u00f6tzlich diesen Gedanken: \u201eWas machen eigentlich die ganzen Reiseblogger und digitalen Nomaden in dieser Coronazeit? Die k\u00f6nnen nicht mehr reisen und somit k\u00f6nnen die auch nicht mehr \u00fcber ihren Reiseerlebnisse schreiben. <\/p>\n\n\n\n<p>Das ist ziemlich \u00fcbel (wie vieles in dieser Krise). Ich bin jedes Mal auf\u00b4s Neue entsetzt, wie dieses Virus nahezu jeden Winkel unseres Lebens infiziert. Viele Dinge, die zuvor als sicher und selbstverst\u00e4ndlich galten, haben pl\u00f6tzlich keine Daseinsberechtigung mehr. Das Virus hat vieles einfach von der Bildfl\u00e4che verschwinden lassen. Ob das Theater, das Kino, die Restaurants oder Konzerte. Nichts! Nichts ist mehr davon da. Nur noch physisch stehen die nunmehr leeren Geb\u00e4ude an ihren Pl\u00e4tzen. Ihre Seele jedoch, haben sie verloren. Das was die H\u00e4user mit Leben gef\u00fcllt hat, ist jetzt im Lockdown; befindet sich im Schraubgriff des Virus. Die Theaterschauspieler, die Zuschauer, die G\u00e4ste &#8211; also <em>wir<\/em> &#8211; sind nicht mehr da. <em>Doch<\/em> &#8211;&nbsp; wir sind noch da &#8211; aber wir k\u00f6nnen nicht mehr <em>da<\/em> sein, wo wir sein <em>wollen<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir k\u00f6nnen uns nicht mehr einfach in ein Flugzeug setzen und den n\u00e4chsten Kontinent bereisen. Wir k\u00f6nnen uns noch nicht einmal mehr einfach ins Auto setzen und die Familie in einem anderen Bundesland besuchen. Wir stecken fest! Und so geht es wohl auch den vielen Reisebloggern, die jetzt nicht mehr weg k\u00f6nnen. Nicht mehr von ihren Reisen schreiben und andere nicht mehr mit ihren Reiseberichten begeistern k\u00f6nnen. Es geht einfach nichts mehr. Gerade jetzt, wo die Welt keine Grenzen mehr kannte, wo jede und jeder auch den entlegensten Winkel der Welt erkundschaften konnte, gerade jetzt kommt dieses Virus daher und katapultiert uns zur\u00fcck in einen winzig kleinen Radius. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Welt wird wieder kleiner. Das Virus zerst\u00f6rt die Globalisierung der vergangenen Jahrzehnte. Ich bin mir nicht sicher, ob das nur Nachteile hat, oder ob die Vorteile vielleicht doch gr\u00f6\u00dfer sind, als ich zur Zeit \u00fcberblicken kann. Zwei Herzen schlagen in meiner Brust: Ich bin erleichtert, dass die Erde mit dieser Zwangspause wieder ein wenig zu Atem kommen kann. Das Rad hat sich immer schneller gedreht, so schnell, dass es nicht m\u00f6glich war, einen klaren Gedanken zu fassen. <em>Jetzt<\/em> haben wir die Vollbremsung und damit kommen jetzt Gedanken zu Tage, die wir vorher erfolgreich durch immer mehr machen und noch mehr machen (konsumieren!) erfolgreich unterdr\u00fccken konnten. Jetzt stehen wir ziemlich nackig da und wissen nicht, wie wir mit dieser einmaligen und mehr als be\u00e4ngstigenden Situation umgehen sollen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben es ja in den vergangenen Jahrzehnten verlernt. Wir haben es verlernt unsere Tage mit der Familie zu verbringen. Wir haben es verlernt, unsere Tage mit uns selbst zu verbringen. Wir haben es verlernt, uns wirklich Gedanken \u00fcber das Leben und uns zu machen. Warum auch? Es war ja gen\u00fcgend Ablenkung da &#8211; vor Corona! Und jetzt? Jetzt sind wir zur\u00fcckgeworfen auf uns selbst. Wir k\u00f6nnen uns zwar immer noch ablenken -Netflix und Amazon wird es wohl auch noch in 100 Jahren geben- aber es ist doch nicht mehr ganz so einfach, vor sich selbst zu fl\u00fcchten als noch vor 2 Monaten. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Reiseblogger und all die Instagram M\u00e4uschen, die sich gern &#8211; <em>Influencer<\/em> (0ha!) nannten, sind jetzt nicht viel besser dran, als Frau M. in ihrer 2 Zimmer Wohnung.  <em>Alle<\/em> stecken fest. Der Unterschied wird wieder kleiner. Der Unterschied zwischen Frau M. und Goldy L.  oder wer auch immer\u2026 die jetzt nur noch \u00fcber sich selbst nachdenken und schreiben kann und nicht mehr \u00fcber die L\u00e4nder, die sie sonst bereist hat. <em>Nichts<\/em> geht mehr, es ist alles komplett aus den Angeln gehoben. Dinge, die zuvor <em>einfach<\/em> <em>so<\/em> m\u00f6glich waren, werden jetzt zu einem Problem. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir k\u00f6nnen uns eben nicht mehr einfach irgendwo reinsetzen und die Welt bereisen. Neue Kulturen kennen lernen, Horizonte &#8211; physische wie mentale &#8211; erweitern. Jetzt sind wir in unserem kleinen Radius gefangen. Oder auch <em>frei<\/em> &#8211; je nach eigener Perspektive. Denn f\u00fcr die einen ist es ein Desaster, sich nicht mehr nach au\u00dfen orientieren zu k\u00f6nnen; keinen Dauerapplaus mehr zu bekommen. F\u00fcr die anderen ist ein Kennenlernen mit dem Selbst vielleicht <em>die<\/em> Chance ihres Lebens. <\/p>\n\n\n\n<p>Mich treibt in den letzten Tagen und Wochen eine Frage besonders um: Wird sich &#8211; und wenn ja &#8211; <em>wie<\/em> wird sich unsere Gesellschaft durch dieses Virus ver\u00e4ndern? <em>Wird<\/em> sie sich \u00fcberhaupt ver\u00e4ndern? Oder werden es nur wieder einige wenige sein, die aus dieser Krise anders, neu, hervorgehen? Was passiert mit unseren Werten? Werden es die gleichen sein, wie vor der Krise? Oder ver\u00e4ndern wir uns und damit auch unsere Wertevorstellungen? Wir werden wir <em>miteinander<\/em> umgehen? Und \u00fcberhaupt: Wie wird sich dieses Maskentragen seelisch auf uns auswirken? Wie ist das, wenn man keinem mehr richtig ins Gesicht schauen kann, weil es zum gr\u00f6\u00dften Teil mit dieser Schutzmaske bedeckt ist? Kein freundliches L\u00e4cheln ist mehr zu erkennen, keine richtige Deutung mehr m\u00f6glich. Das schafft Unbehagen, bei mir jedenfalls &#8211; und ein gewisses Ma\u00df an Unsicherheit,&nbsp; kann ich doch mein Gegen\u00fcber gar nicht mehr richtig einsch\u00e4tzen. <\/p>\n\n\n\n<p>Und Unsicherheit schafft fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zwangsl\u00e4ufig Angst. Und das kann nicht gut sein! Wenn das Maskentragen zur Pflicht wird, ist das auf jeden Fall eine psychische Belastung, die nicht zu untersch\u00e4tzen sein wird. Was das mit uns Menschen im Miteinander machen wird, mag ich mir nicht bis zum Letzten ausdenken. Aber ich bin mehr als besorgt, ob dieser Aussichten. <\/p>\n\n\n\n<p>Noch soll es ja nur in Superm\u00e4rkten und Bus und Bahn Pflicht sein &#8211; aber was ist schon in diesen Zeiten f\u00fcr das NOCH &#8211; <em>noch<\/em> sicher? Das NOCH von gestern, kann morgen bereits Makulatur sein. Wenn wir eins in den letzten Wochen gelernt haben, dann das: Es gibt solange ein NOCH bis es ersetzt wird. Und zwar schneller, als wir uns h\u00e4tten jemals vorstellen k\u00f6nnen. Die NOCHS werden in diesen Zeiten immer weniger, die Ungewissheiten werden immer mehr. Bei diesem Sturm die Orientierung, sprich seinen inneren Kompass &#8211; wenn man ihn denn jemals besessen hat &#8211; nicht zu verlieren ist mehr als eine Herausforderung. Es ist die Aufgabe unseres Lebens. Und keiner wei\u00df, wie es ausgehen wird.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em><span class=\"has-inline-color has-luminous-vivid-amber-color\">Eure Marielosophie<\/span><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Dienstag &#8211; noch sehr fr\u00fch am Morgen. Der Tag ist noch frisch und unverbraucht. Auch von Gedanken. Aber schon fangen sie an, sich in meinem Kopf breit zu machen. Kaum ist das Bewusstsein wieder im Hier, geht der Gedankentanz im Hirn auch schon wieder los. 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