{"id":118,"date":"2020-04-10T13:03:00","date_gmt":"2020-04-10T11:03:00","guid":{"rendered":"http:\/\/marielosophie.de\/?p=118"},"modified":"2020-04-11T10:02:02","modified_gmt":"2020-04-11T08:02:02","slug":"der-baumarkt-ist-ab-jetzt-dein-psychotherapeut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/marielosophie.de\/?p=118","title":{"rendered":"Der Baumarkt ist ab jetzt Dein Psychotherapeut"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Gestern war ich im Baumarkt. Wie offensichtlich viele andere auch. Es scheint der neue Hotspot f\u00fcr Kontaktpflege zu sein. \u201eDu, Schatz ich fahr mal auf ein paar Schrauben zum Baumarkt.\u201c War es sonst vielleicht der Italiener ums Eck, oder der Fitnessclub, ist es jetzt also der Baumarkt. Selbst das Anstehen vor den Eing\u00e4ngen wird dieser Tage eher als angenehmer Zeitvertreib, denn als echtes \u00c4rgernis wahrgenommen. Der Baumarkt bietet eine willkommene Abwechslung vom nunmehr gleichf\u00f6rmigen Alltag. <\/p>\n\n\n\n<p>Dominiert von Corona und den Schreckenszenarien f\u00fcr die Zukunft, fl\u00fcchtet man doch lieber in eine scheinbare Normalit\u00e4t. Und was ist besser daf\u00fcr geeignet, als ein stinknormaler Baumarkt? Wer h\u00e4tte gedacht, dass dieser so wichtig f\u00fcr das psychologische Wohlergehen vieler sein wird. <em>Der Baumarkt als Ventil f\u00fcr ein friedlicheres Miteinander<\/em>. Schlie\u00dflich kann dem Testosteron geladenen Herrn der Sch\u00f6pfung das heimische Dach ganz sch\u00f6n aufs Gem\u00fct schlagen. Aber nicht nur dem m\u00e4nnlichen Geschlecht ergeht es so. Auch f\u00fcr die weibliche Sch\u00f6pfung mutiert der Baumarkt dieser Tage als eine Art Ersatzfreundin. <em>Man nimmt was man kriegt<\/em>. Wir wollen ja nicht w\u00e4hlerisch sein in diesen Tagen.<\/p>\n\n\n\n<p> Alles ist anscheinend besser, als eingepfercht in den eigenen vier W\u00e4nden hocken zu m\u00fcssen. Stattdessen ist man <em>aktiv<\/em>. Man f\u00e4hrt ja schlie\u00dflich nicht nur einfach so zum Baumarkt. Wo k\u00e4men wir denn dahin? Nein, es gibt in diesen besonderen Zeiten triftige Gr\u00fcnde, einen Ausflug dorthin zu machen. Zum Beispiel, dass nun endlich, das seit Jahren (aufgrund von Zeitmangel)\u00a0aufgeschobene Balkon- oder Terrassen-Projekt endlich mal in Gang zu bringen. <\/p>\n\n\n\n<p>Denn eines haben wir in diesen Tagen mehr als gen\u00fcgend: Zeit! <em>Das<\/em> Luxusgut \u00fcberhaupt. Die Zeit &#8211; von der noch vor einigen Monaten nie genug  war. Und jetzt? Jetzt ist sie im \u00dcberfluss vorhanden, zumindest f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften Teil der Bev\u00f6lkerung. Was f\u00e4ngt man auf einmal mit so viel Zeit an? Es ist wie ein Sechser im Lotto. Pl\u00f6tzlich steht man mit einem Haufen Geld da. Corona hat uns zwar keinen Haufen Geld beschert; aber einen Haufen Zeit. Man w\u00fcnscht sich die ganze Zeit mehr Zeit; und jetzt ist sie endlich vorhanden. Genau wie bei einem Geldregen agiert man zun\u00e4chst wohl eher ein wenig kopflos.  Einige Aktivit\u00e4ten kann man getrost wieder in die Tonne treten, sie dienen eher der Ablenkung, denn der sinnvollen Besch\u00e4ftigung. Hat man sein Hirn mit gen\u00fcgend Junk Food gef\u00fcttert, schreit es nach einer <em>Aufgabe<\/em>. Man m\u00f6chte <em>machen<\/em>. Na und da kommt doch der Baumarkt\u00a0 gerade wie gerufen.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Hier begegnet man Anderen seiner Spezies, kann sich ausgiebig den einzelnen Regalen in den G\u00e4ngen widmen ( ich wusste gar nicht, dass es so viele abwechslungsreiche Regale im Baumarkt gibt???) Das ist ja besser, als jede Netflix Serie! Und was es alles zu entdecken gibt!\u00a0 Einige Dinge, von denen ich noch nicht einmal wusste, dass es sie gibt; geschweige denn f\u00fcr welchen Zweck diese Dinge \u00fcberhaupt da sind. Jetzt werde ich auf eine Weise gebildet, die ich vor Coronazeiten nie f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte. Der Baumarkt als ein Hort der Entdeckungen. <\/p>\n\n\n\n<p>Da wir zur Zeit nicht mehr durch die Welt jetten k\u00f6nnen, ist der Baumarkt so eine Art Ersatzwelt f\u00fcr uns geworden. Hier k\u00f6nnen wir uns austauschen, hier sind wir wer. Wir sind die, die h\u00e4mmern , werkeln, machen, tun. Ja &#8211; wir sind die <em>Macher<\/em>. Auch in Zeiten von Corona sind wir nicht taten- oder machtlos. Wir lassen uns von diesem Virus nicht unsere Umtriebigkeit, nicht unsere Neugier, nicht unsere Entdeckungsfreude nehmen. Ganz im Gegenteil: Jetzt erst recht! Jetzt kommt endlich das Projekt meines Lebens ins Rollen. Jetzt <em>mache<\/em> ich. Jetzt bin ich <em>aktiv<\/em>. Auch wenn wir doch gerade auf der gesamten Welt zum Stillstand verdammt sind. Zumindest noch f\u00fcr einige Wochen. <\/p>\n\n\n\n<p>Doch der Mensch sucht sich einen Weg. Einen Weg raus aus dem zwangsverordnetem Stillstand. Und da ist der Baumarkt ein perfekter Katalysator. Nicht nur, dass man hier die Dinge findet, die einem zu mehr Selbstwirksamkeit verhelfen k\u00f6nnen (was gibt es Sch\u00f6neres, als eine frisch gebaute Terrasse zum Beispiel?); es ist auch das Aufeinandertreffen Vieler, die sich s\u00e4mtlich in der gleichen Lage befinden, wie man selbst: Man ist hier, um zu <em>machen<\/em>. Und sei es nur, einige Blumenk\u00fcbel mit wunderh\u00fcbschen Pflanzen zu bef\u00fcllen. Die wiederum auf dem eigenen Balkon oder im eigenen Garten, viel Freude bereiten werden. Oder es sind die gr\u00f6\u00dferen Projekte, die endlich jetzt angefangen und (man h\u00f6re und staune) in <em>einem<\/em> Rutsch auch beendet werden k\u00f6nnen! <\/p>\n\n\n\n<p>Wo hat es das in der j\u00fcngeren Vergangenheit schon&nbsp; gegeben? Immer war zu wenig Zeit. Wieviele angefangene&nbsp; Projekte &#8211; halbe Leichen &#8211; schlummern in Deutschlands Haushalten, weil immer zu wenig Zeit war, diese auch zu beenden? Das schlechte Gewissen: Immer ein st\u00e4ndiger Begleiter: \u201e Ich m\u00fcsste unbedingt noch,&#8230;\u201c wir kennen das alle. Doch jetzt Corona. Und damit die einmalige Chance, Projekte anzufangen, sie auszuf\u00fchren UND auch zu <em>beenden<\/em>! Ganz genau: Ihr habt richtig gelesen! Projekte die auch beendet werden k\u00f6nnen. Ja gibt es denn etwas Besseres f\u00fcr die Selbstwirksamkeit? <\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, die Zunft der Psychotherapeuten, Psychologen und der Psychiater wird sich auf schwierige Zeiten einstellen m\u00fcssen. Der Baumarkt als heilsamer Therapeut f\u00fcr das chronische Gef\u00fchl der \u00dcberforderung! Nun: jetzt sind viele nicht \u00fcberfordert. Ganz im Gegenteil: Es ist ja Zeit! Niemand sitzt Dir im Nacken und dr\u00e4ngelt. Stattdessen: Ruhe und Bedacht und Freude beim Machen. Ich sehe schon: die werden bald alle arbeitslos. Wer braucht noch einen Psychotherapeuten, wenn er einen Baumarkt in der N\u00e4he hat? So \u00e4ndern sich die Zeiten und mit ihnen der Mensch. Der Mensch ist ein erstaunliches Wesen. Und es ist wundervoll zu beachten, wie er sich in schwierigen Zeiten zu helfen wei\u00df. Und das zeigt uns, dass es immer einen Weg gibt, das Leben f\u00fcr sich selbstbestimmt zu gestalten. Auch in schwierigsten Zeiten. Nutzen wir doch diese Erkenntnis, vielleicht bewirkt sie f\u00fcr die Zukunft mehr, als wir jetzt erahnen k\u00f6nnen.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>So &#8211; und jetzt muss ich los: Das Terrassenprojekt wartet \ud83d\ude09<\/p>\n\n\n\n<p><span class=\"has-inline-color has-luminous-vivid-amber-color\"><strong>Eure Marielosophie<\/strong><\/span><\/p>\n\n\n\n<p>stay home, stay healthy<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern war ich im Baumarkt. Wie offensichtlich viele andere auch. 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